Materialien |  Kampagne
 
 
Betroffene Erzählen
 

Denis G.: „Einfach mal gemütlich machen“

An Geldspielautomaten wollte Denis G. nur abschalten vom Arbeitsstress. Doch er verlor die Kontrolle und verspielte ein kleines Vermögen. Seit 15 Monaten ist er nun spielfrei. Dabei half ihm die konsequente Haltung seiner Frau.

Ich dachte, ich hätte es geschafft. Würde nie mehr Geld verspielen. Müsste nie mehr zur Therapie. Bin geheilt. Bis Freitagmorgen habe ich das gedacht. Aber seit Freitagabend weiß ich, dass ich lebenslang aufpassen muss, weil es immer ganz in der Nähe ist.

Letzten Freitag war die große Krise. Am Dienstag ging es meiner Frau nicht gut. Ich habe es meinem Chef erzählt und bin nach Hause gefahren. Das bedeutet, sechs Stunden Arbeit fehlten. Ich bin Gärtner und Hausmeister und der einzige in unserer Firma, der Privathäuser betreut. Die Kunden vertrauen mir. Deswegen musste ich die Restkunden über die Woche verteilen. Die ganze Woche habe ich hart gearbeitet. Von sechs bis 17 Uhr durchgearbeitet. Unterwegs mein Frühstück gegessen, unterwegs meinen Kaffee getrunken. Nur unterbrochen, wenn ich auf die Toilette musste. Freitag war ich völlig kaputt. Ein Eimer war umgekippt, Wasser über meine Schuhe gelaufen, das war nass, mir war kalt. Plötzlich war ich wieder in dem Stadtteil, wo ich gespielt hatte. Und ich merke, was ich denke: „Einfach mal gemütlich machen.“

Abends bringe ich das Geld immer in die Firma, aber Freitagmorgen hatte der Chef gesagt: „Nimm es mit nach Hause und bringe es Montag rein.“ 200 Euro, eine Menge Geld. Auch mein eigenes Geld hatte ich dabei, zusammen waren es über 300 Euro.

Da merke ich, wie ich zu mir sage: ‚Du hast jetzt Wochenende, kannst das Geld doch wieder von der Karte ziehen, bringst es Montag zurück, kein Problem. Und wenn du Glück hast, gewinnst du noch ein paar hundert Euro dazu. Einfach mal gemütlich machen.‘
Da kriegte ich einen Schreck: ‚Was machst du?! Fast 15 Monate bist du spielfrei. Du kannst jetzt nicht spielen!‘
‚Okay‘, habe ich mir geantwortet, ‚ich spiele nicht, aber ich gehe hin und mache es mir gemütlich.‘
Doch ich habe erwidert: ‚Nein, du lügst dich selber an!‘
Also habe ich den Wagen angehalten, geparkt, das Fenster auf, frische Luft, eine Zigarette angezündet und gedacht: ‚Ruf mal Albert an.‘

Albert ist mein Berater in der Therapie. Ich rufe ihn an, aber nur der Anrufbeantworter geht ran. Ich wollte aber nicht mit dem Anrufbeantworter sprechen. Ich wollte mit Albert sprechen. Was soll ich machen? Ich musste mich unbedingt ablenken, das wusste ich. Meine Frau wollte ich nicht anrufen. Sie muss sich immer um alles kümmern. Was soll ich nur tun? Ich war fertig. Diese halbe Stunde, die ich mit mir gekämpft habe, hat mich so kaputtgemacht wie ein ganzer Tag Arbeit nicht.
Dann habe ich meinen Bruder in Stuttgart angerufen. Er hat was gemerkt: „Geht es dir gut?“, fragte er. „Wirklich? Deine Stimme ist so anders.“
Da musste ich ihm das ehrlich sagen.
„Kein Problem“, meinte er. „Toll, dass du mich angerufen hast.“
Über zwanzig Minuten redeten wir auf dem Handy. Dann wollte ich auflegen: „Okay, mir geht es gut, ich kann jetzt nach Hause.“
Aber er sprach weiter, bis ich ein paar Kilometer vor meinem Haus war, da hat er gesagt: „Okay, jetzt können wir auflegen. Wie lange brauchst du noch bis ins Haus? Ich rufe dich in fünf Minuten an auf deinem Haustelefon, nicht Handy.“ Das hat er auch gemacht. So habe ich es geschafft. Gestern habe ich das meiner Frau erzählt. Sie fragte gleich: „Wieso hast du mich nicht angerufen?“ - „Du hast viele Sorgen.“ – „Egal“, sagte sie, „bitte ruf mich an.“

Aber ich wollte nicht. Sie muss es nicht gleichzeitig mitkriegen. Gestern sagte sie: „Ich habe gefühlt, dass etwas war.“ Sie kennt mich besser als ich mich selbst. Meine Frau ist Krankenschwester, und ohne sie würde ich es nicht schaffen. Montags macht sie immer Frühdienst, damit ich zur Therapie gehen kann. Ohne die Anonymen Spieler würde ich es auch nicht schaffen. Doch vor ein paar Wochen wollte ich dort so langsam aufhören. Wegen meiner Freizeit. Ich möchte gern zu Hause bleiben. Da habe ich Albert gefragt, wie lange ich noch brauche. Er sagte: „Denis, du kommst freiwillig. Solange du möchtest.“

Ich bin Türke. Seit acht Jahren lebe ich in Deutschland. Zuerst konnte ich nur ein paar Wörter, dann habe ich einen Deutschkurs besucht. Meine Frau kommt auch aus der Türkei, aber sie ist seit 25 Jahren hier und spricht viel besser Deutsch. Alles hat sie hier gelernt, Schule, Ausbildung und so weiter. Ich habe in der Türkei Zahnmedizin studiert. Nach der Militärzeit habe ich als Zahnarzt gearbeitet. Dann meine Frau kennengelernt, sie kommt auch aus unserem Dorf. Wir sind Aleviten, auch Moslems, aber liberaler. Wir brauchen keine Moschee zum Beten, niemand muss etwas tun oder glauben. Musik ist wichtig, wir singen und tanzen viel. Bei uns bestimmen nicht die Eltern, wen man heiratet. An Scharia glauben wir nicht, Frauen sind gleichwertig, müssen sich nicht die Haare bedecken.

Über drei Jahre habe ich auf meine Frau gewartet. 1999 haben wir geheiratet, und ich bin nach Deutschland gekommen. Arbeit zu finden war schwer, als Zahnarzt konnte ich hier nicht arbeiten. Einmal besuchten wir eine schöne türkische Disco. Wir haben getanzt, türkische Suppe gegessen, ich mag gerne Suppe essen um drei oder vier Uhr in der Nacht. An einem anderen Tisch saßen vier, fünf Leute, tranken auch Alkohol, waren fröhlich, spielten Baglama, ist ähnlich wie Gitarre, aber schmaler. Wir haben gesungen und sind Freunde geworden. Wir kamen aus derselben Gegend. Einer fragte „Was machst du hier?“ – „Ich suche Arbeit.“ Da hat er gesagt: „Ich habe eine Massagepraxis, du kannst bei mir lernen.“ Das habe ich getan, habe Prüfung gemacht, Urkunde bekommen und angefangen als Sportmasseur.

Damals wurde meine Frau schwanger, wir bekamen ein Kind. Nach einigen Monaten fing sie wieder an zu arbeiten. Ein Jahr vorher hatte ich zum ersten Mal Geld in den Spielautomaten geworfen. Sechs, sieben Jahre habe ich dann gespielt. Die ersten zwei Jahre nur ab und zu. Aber in den nächsten fünf Jahren habe ich 25.000 Euro verspielt. Oder mehr.

Es fällt mir sehr schwer darüber zu sprechen. Wegen meiner Gefühle. Aber wenn ich einer Person damit helfen kann, dass ich das erzähle, dann würde ich mich sehr freuen. Auch mir hilft es, darüber zu reden. Aber man muss mit Absicht und das Richtige erzählen.

In der Therapiegruppe sind einige, die Millionen verspielt haben. Einer erzählte, dass er über 25.000 Euro in einer Nacht verspielt hat; und ich glaube ihm das, er ist ehrlich. Für uns ist das viel Geld, wir hätten damit locker ein Haus in der Türkei bauen können. Wir wohnen immer bei meiner Mutter, wenn wir Urlaub in der Türkei machen, und sie hat nur ein einziges kleines Zimmer für uns. Mein Vater hat uns ein Feld vererbt, das wurde verkauft, und damit wollten wir das Haus bauen. Aber ich habe Geld verspielt, und so mussten wir damit unsere Schulden bezahlen. Dann haben wir einen Kredit genommen, um Haus zu bauen. Alles verspielt. Habe ich zwischendurch immer gutes Geld verdient, aber alles verspielt.
Manchmal habe ich die Scheckkarte genommen aus ihrer Tasche, Geld holt und dann Karte wieder zurückgesteckt. Natürlich merkt meine Frau das. Bei der Hochzeit bekam sie viele Goldketten und Goldringe, habe ich alles verkauft. Die Spardose kaputt gemacht von meinem Sohn… Ich hatte das vergessen. Jetzt merke ich, dass ich vergessen hatte, was ich alles getan habe. Das tut weh, aber ist gut, dass es mir wieder eingefallen ist.

Manchmal denke ich, die Spielzeit war keine gute Zeit, aber gute Gefühle. Doch das stimmt auch nicht. Das Spielen war schrecklich. Ich habe es immer geplant. Ich bin ins Bett gegangen, aber im Kopf immer gespielt: Da sind 50 Euro, da 20 Euro, wenn ich Spardose kaputtmache, gibt es bestimmt 100 Euro. Dann konnte ich nicht schlafen, man schläft ein, aber wacht wieder auf. Als ich aufgestanden bin, fing ich an zu zittern. Morgens mache ich den Haushalt, staubsaugen und so. Normalerweise brauche ich dafür zwei Stunden, aber dann war ich in zwanzig Minuten fertig. Und unterwegs habe ich voll gezittert. Am letzten Freitag war es auch so: Schmerzen und Zittern. Kein Schwitzen diesmal. Wie ein Drogenentzug.

Losgegangen ist das alles an der Ostsee. Meine Frau und ich waren in einem Lokal. Sie hatte auch keine Ahnung vom Spielen, hat einfach fünf Mark in den Automaten gesteckt. Gar nicht geguckt. Dann macht das komische Geräusche, alle Lichter gehen an. Was ist denn los? Geld kam immer runter, immer runter, immer runter. Mensch, ich hab gewonnen!, sagt meine Frau. Mehr als 150 Mark. Wir haben uns sehr gefreut.

Am nächsten Tag hab ich zu meinem Schwager gesagt: Komm, ich geb einen aus. Noch mal fünf Mark reingesteckt. Natürlich nichts passiert. Nächsten Tag noch mal. Dann ein paar Monate nicht. Einmal waren wir Freunde besuchen. Da stand auch so ein Gerät. Hab ich wieder probiert. Meine Grenze war fünf Mark. Aus fünf Mark wurden 20. Auch 20 Mark gehen schnell weg. Zehn Minuten. Das macht keinen Spaß. Ich wollte Spaß haben. Ich hab fast niemals gespielt um zu gewinnen. Nur für den Spaß. Für dieses Gefühl. Was war das für ein Gefühl? Bauchschmerzen. Wenn ich das sagen darf, dieses Gefühl hatte ich auch, als ich einmal eine illegale Beziehung hatte. Andere Frau. Aber nicht dabei, sondern vorher. Zum Beispiel bei der Arbeit, wenn ich sie sehe, dann sagt sie nichts, ich sag auch nichts, aber man weiß, was nachher passiert. Dieses Gefühl. Das war ähnlich. Die Spannung. Wenn sie dann da ist, ist es anders. Das Gefühl vorher war besser, muss ich sagen.

Das ging über ein Jahr so mit dem Spielen. Dann wurde es mehr. Hab immer hingehört, wenn jemand davon erzählt hat. Sie erzählen alle, was sie gewonnen haben. Keiner erzählt: ich hab so viel verloren. Nur ein Kollege hat gesagt, dass er seine Familie durchs Spielen kaputtgemacht hat. Der sagt: „Du spielst? Du musst aufhören!“ Letzte Woche hörte ich, dass der noch spielt. Es werden immer mehr.

Bei uns in der Türkei gibt es keine Geldspielautomaten, keine Casinos. Es ist verboten. Wir haben nur Karten gespielt, man kann 5 Euro verlieren, höchstens 50 Euro. Aber als ich Soldat war, machten in großen Hotels Casinos auf, und mit Soldatenausweis durfte ich rein. Dann haben einige aus unserem Dorf Kleinbus gemietet, und wir sind zum Casino gefahren. Unterwegs sagt jemand, wir brauchen Krawatten, ohne Krawatte lassen die uns nicht rein, dann haben die einen Freund angerufen: wir brauchen sechs Krawatten. Egal, ob passt oder nicht. Das fand ich lustig. Ein Kollege sagte, da gibt es hübsche Frauen, Mädchen, die tanzen, deswegen wollte ich da rein. Ich habe an jeder Maschine gewonnen. Einmal kam so viel Geld raus, da dachte ich, die wären pleite. Über tausend Euro. Ich dachte, wenn ich so weiter spiele, kann ich mir morgen ein Auto kaufen. Ich habe mich ganz doll gefreut.

Mein Vater war auch Spieler. Wie stark und süchtig er spielte, habe ich gemerkt, als er krank wurde. Er durfte nicht rauchen, aber er ist immer in den Kulturverein in Stuttgart gegangen. Das nennt sich Kulturverein, aber da ist kein einziges Buch. Nur Spieler oder Fußball gucken.

Ich bin ohne Eltern groß geworden. Als ich drei Jahre war, haben sie mich verlassen und sind nach Deutschland gegangen. Ich blieb bei meinen Großeltern. Eine glückliche Zeit. Sie hatten einen Bauernhof und viele Tiere, sie arbeiteten auf dem Feld, aber ohne Maschinen. Bevor die Sonne aufging, waren sie auf dem Feld, bis Mitternacht. Dann gingen alle schlafen, aber meine Großmutter hat noch Brot gebacken, jeden Tag, sie hatte keinen Sonntag. Sie hatte viele Kinder verloren, die meisten ganz jung. Deswegen wurde ich verwöhnt, sollte nicht arbeiten, war ganz faul. Meine Großmutter war eine typische liebevolle türkische Frau. Die letzten Jahre konnte sie nicht mehr aufstehen, wusste nicht, wer ich bin. Mein Opa verkaufte ein großes Grundstück und holte Hilfe, eine für den Tag, eine für nachts. So konnte sie zu Hause bleiben. Wir waren immer dabei, aber mein Opa ganz besonders. Wenn ich nicht bei meinen Großeltern aufgewachsen wäre, sondern bei meinen Eltern, wäre ich heute im Gefängnis. Bestimmt. Ich hätte irgendetwas angestellt. Bei meinen Großeltern war ich glücklich, sie waren liebevoll. Trotzdem fehlt etwas. Die Eltern.

Wenn ich den Friedhof besuche, besuche ich erst meinen Vater und meinen Onkel; dann gehe zu meinen Großeltern, und da fange ich an zu weinen. Einmal sah mich die Schwester von meinem Vater und sagte: „Dort ist dein Vater! Da weine.“ Aber ich bin bei meinem Opa groß geworden. Mit meinem Vater war es schwierig. Ich habe irgendwo noch einen alten Brief an ihn. „Wenn ich dich sehe im Dorf, dann denke ich, da ist mein Boss“, hatte ich ihm geschrieben. Ich durfte nicht mit ihm in den Kulturverein, musste draußen warten. Ich verstehe ihn nicht, ich spiele so gern mit meinem Sohn, er sagt Papa oder Denis, das ist ganz egal.

Aber mit dem Geld war mein Vater war großzügig, vielleicht dachte er, wenn ich viel gebe, bin ich guter Vater. Er selbst hatte kaum Geld als junger Mann. Er wollte unbedingt zur Schule gehen, aber er durfte nicht, sollte immer arbeiten. Er war schlau, hat viel gelesen, gerne gelesen. Aber die letzten 15 Jahre gar nicht mehr, hat immer gesagt, meine Augen sind nicht so gut. Aber er konnte die Karten sehen den ganzen Tag. Wegen seiner Spielsucht.

Vielleicht hat er dabei auch alles vergessen, seine Sorgen und Ängste, denn er ist jung gestorben und wusste das auch; viele Männer in unserer Familie wurden nicht alt.

Wenn ich gespielt habe, konnte ich auch alles vergessen. Sogar wenn ich nur daran gedacht habe. Wenn ich massiert hatte, sagten die Kunden, „oh, das war toll, dankeschön“, aber ich habe gar nicht gefühlt, dass ich massiert habe, weil ich immer an das Spiel dachte: Soll ich hier drücken, soll ich den Automaten so bedienen? Egal, ob ich Mann oder Frau massiert habe, ich hab nur an das Spiel gedacht. Und dann die Spannung: hat sich noch jemand eingetragen zur Massage oder kann ich gleich spielen? Diese Spannung! Wenn sich keiner eingetragen hat, gehe ich kurz duschen, manchmal gar nicht duschen, einfach abschließen und dann los! Spielen. Massagezeit war immer Spielzeit.

Einmal war ich kurz vor Weihnachten in der Spielothek. Ich hatte über 1.500 Euro vom Chef. Und 400 Euro war mein Geld. Ich hatte auch Trinkgeld gesammelt, 40 Euro. Ich wollte eigentlich nur diese Münzen wegschmeißen. Erst mal die Münzen, dann mein Geld: ach, 50 Euro macht nichts, du hast ja 400. Die Spielothek sollte um 2 Uhr geschlossen werden, ich war der einzige, und der Jackpot war hoch. Die Bedienung hat abgeschlossen, das Licht runtergedreht, dann haben die mich gelassen, und ich habe bis zum Morgen gespielt. Zum Schluss konnte ich nicht mehr Bus fahren, weil alles weg war. Ich bin zu Fuß nach Hause gegangen. Um sieben Uhr morgens war ich dort. Um elf Uhr sollte ich wieder anfangen zu arbeiten. Was hab ich nur gemacht? Scheiße, du hast Mist gebaut!

Das sagte auch mein Chef: „Scheiße! Was hast du getan?“ Dann meinte er: „Bleib ruhig, ich kann dich verstehen.“ Dann haben wir Kaffee getrunken, und er hat erzählt, dass er auch Spieler war. Er hat über 100.000 Mark verspielt. Er hatte eine deutsche Frau. Sie hat ihn verlassen. „Du musst aufpassen, weil du Kind hast“, sagte er, „ich kenne deine Frau, sie ist sehr lieb. Du musst dir Hilfe holen, allein schaffst du es nicht.“

Er hatte etwas gemerkt, aber war nicht sicher. Er hat meinen Kollegen gefragt, der immer mit mir gespielt hat. Nein, der spielt nicht, hat der natürlich gesagt. Dann hat mein Chef im Internet diese Suchthilfe-Gruppe für mich gefunden.

Dort rief ich an und bekam einen Termin in sechs Wochen. In diesen sechs Wochen habe ich nicht gespielt. Als ich hinkam, fragte Albert mich: „Seit wann spielen Sie nicht mehr?“ – „Seit genau sechs Wochen heute.“ „Oh, Mensch, toll“, sagt er. Nun konnte ich damals erst die Hälfte von dem Deutsch, das ich heute spreche. Ich verstand aber, dass er „toll!“ gesagt hat. Da dachte ich, dass ich schon bestanden habe, weil ich sechs Wochen nicht gespielt habe. Dass ich nicht in die Gruppen muss. Ich habe mir die Typen dort angeguckt und gedacht: „Die sind richtig süchtig, ich bin nicht so.“ Zu Hause habe ich meiner Frau erzählt, dass ich keine Therapie brauche, dass ich es geschafft habe. Sie hat sich gefreut. Ich habe das wirklich geglaubt.

Ein paar Wochen habe ich nicht gespielt. Ich kann das aushalten, nicht zu spielen! Wenn ich also mal um 20 Mark spiele, macht das nichts. So habe ich wieder angefangen. Meine Frau sagte: „Geh wieder zum Treffen, sprich mit Albert. Wenn du es nicht schaffst, kann ich auch anrufen.“ – „Ne“, meinte ich, „die haben doch gesagt, dass ich keine Therapie brauche.“

Aber irgendwann ging es nicht mehr. Meine Frau wurde ganz locker, hat sich gar nicht mehr interessiert. Sie wollte immer, dass ich noch mal studiere, aber jetzt war es ihr egal. Sie sagte: „Denis, guck mal, du hast zwei Möglichkeiten – entweder du gehst da hin, du sollst mir zeigen, dass du etwas unternimmst dagegen. Oder du suchst dir morgen eine Wohnung. Wenn du nicht ausziehen möchtest, dann ziehe ich aus.“

Ich dachte, sie macht Spaß. Nach drei Tagen sagte sie: „Ich glaube, du hast mich falsch verstanden. Ich warte bis morgen, und dann gehe ich wirklich.“ Ich habe natürlich nicht angerufen, dann ist sie zu ihren Eltern gefahren. Als ich nach Hause kam, war niemand da. Dann habe mit meinen Schwiegereltern gesprochen. Sie hat es ihnen natürlich erzählt. Aber die Beratungsstelle habe ich wieder nicht angerufen. Meine Frau ist nicht zurückgekommen, sie fing wirklich an, eine Wohnung zu suchen. Ich habe immer weiter gespielt. Und dann, im August, ein Donnerstag, habe ich noch einmal gespielt. Aber nach dem Spiel habe ich angerufen und bekam einen Termin zwei Tage später. In der Samstaggruppe habe ich angefangen. Und seitdem spiele ich nicht mehr.

Ich habe gelernt, dass ich nicht viel Geld mitnehmen darf. Lasse meine Scheckkarte bei meiner Frau. Nehme nur fünf Euro mit. Das ist hart. Früher bin ich gern in ein türkisches Café gegangen, wir rauchen Wasserpfeife, trinken türkischen Tee, unterhalten uns, das ist eine ganz besondere Atmosphäre. Keine Drogen. Wasserpfeife ist einfach Tabak mit etwas Aromatischem, Pfirsich, Melone oder so. Drogen habe ich nie genommen. Habe ich erst hier gehört, dass man mit Wasserpfeife Drogen nehmen kann. Manchmal rief ein Kollege an: „Wollen wir die Wasserpfeife rauchen?“ Dafür braucht man 20 Euro. Ich wäre gern gegangen, denn sonst habe ich keine Sozialität. Aber ich habe ‚keine Lust, keine Zeit‘ gesagt. Zu gefährlich, lieber nicht. Erst wollte ich es niemandem erzählen. Später habe ich es allen Kollegen, allen Verwandten erzählt, besonders meinem Bruder. Jetzt weiß es jeder.

Vor dem Urlaub in unserem Heimatdorf im letzten Jahr hatte ich mir große Sorgen gemacht, denn früher bin ich dort immer in den Kulturverein gegangen und habe den ganzen Tag Karten gespielt. Ich habe mit Albert darüber gesprochen, mit der Gruppe und mit meiner Frau. Einmal wurde es gefährlich im Urlaub, als einer sagte: „Komm, lass uns spielen.“ Ich sagte ihm, dass ich Spieler bin. „Ach, einmal spielen macht nichts“, meinte er. Ich sagte: „Komm, wir bleiben draußen sitzen, ich lade dich ein, kannst Tee trinken oder Kaffee, was du möchtest.“ Dann habe ich ihm erzählt, dass ich Therapie mache. Das wusste er nicht: „War das so schlimm?“ Dann erzählte er von zwei guten Freunden, erfolgreiche Geschäftsleute, die in Zypern spielen. In der Türkei gibt es keine Casinos mehr, nur in Nord-Zypern, auf der türkischen Seite. Seine Freunde nehmen immer ein paar tausend Euro mit und fliegen dahin. „Die verdienen richtig viel Geld“, sagte er. Aber ich habe erwidert: „Egal, ob die Millionen verdienen im Monat, die werden kaputtgehen, wenn die so weitermachen. Grüß die beiden und erzähl ihnen von mir. Die müssen aufpassen.“

Ich bin auf jeden Fall ein süchtiger Spieler. Aber ich bin stolz, dass ich diese Therapie mache und bisher geschafft habe. Ich muss versuchen, spielfrei zu bleiben. Tag für Tag. Manchmal Stunde für Stunde. Manchmal denke ich wochenlang nicht daran. Aber ich darf es nicht vergessen. Ich habe einiges geschafft, ich habe Arbeit, bin nicht kriminell geworden. Außer ich habe meinem Chef das Geschäftsgeld verspielt. Aber ich habe es zurückgezahlt. Jede Woche 100 Euro. Dann habe ich eine andere Firma gefunden und arbeite als Gärtnergehilfe. Die Kunden sind zufrieden mit mir. Ich bin auch zufrieden.

Ich hatte mit meiner Frau Probleme, wir wollten uns trennen, aber wie kann ich das machen mit meinem Sohn? Ich möchte ihn immer sehen, nicht nur alle 14 Tage. Ich möchte mit ihm spielen zu Hause. Und da habe ich gesagt: Was für Probleme haben wir? Eigentlich gar nichts. Stress, Arbeit. Natürlich, wir sind nicht perfekt, aber wir sind besser als die meisten, besonders die Türken, die ich kenne, die machen, was „man“ sagt, die Frauen tun, was der Mann will. Bei uns ist es umgekehrt, meine Frau sagt immer: „Sag doch, was du willst!“ Aber das muss ich erst lernen. Ich hab mich dran gewöhnt zu machen, was sie möchte. Deswegen hatten wir Probleme. Zum Beispiel, ich mag nicht mit meiner Frau einkaufen gehen, aber immer bin ich mitgegangen. Obwohl es so langweilig war. Ich könnte sterben, es war so langweilig. Aber ich war immer dabei. Jetzt sage ich, was ich möchte. Und sie sagt: „Du hast dich verändert, du fandst es immer toll, mit mir einkaufen zu gehen.“ – „Ich fand es nicht toll, aber ich wollte dich glücklich machen. Aber das war ein Fehler.“

Neulich hab geträumt, dass wir uns getrennt haben. Gestern Abend haben wir darüber gesprochen, und sie sagt, dass sie das auch geträumt hat. Dann haben wir gekuschelt und gesagt, bleiben wir lieber zusammen.
*
Inzwischen spielt Denis G. seit über zwei Jahren nicht mehr. Er bewirbt sich gerade um einen Studienplatz. Die Familie ist zusammengeblieben.

Das Gespräch führte die Hamburger Journalistin und Autorin Ulla Fröhling.

 
 
 
  




Zur Onlineberatung TÜRKÇE ONLINE DANIŞMA
 
  NEUE VIDEOS:
Der Sucht ein Gesicht geben
  
  Videoclips mit Interviews von Glücksspielsüchtigen, Angehörigen und Experten. » mehr...
 
   MATERIALIEN:
   Materialien der Landeskoordinierungs- stelle:
Hier finden Sie Materialien zum Bestellen
mehr...
 
  
  Aktuelle Kampagne:
Hier finden Sie weiteres Material zum Bestellen. mehr...
  X