Materialien |  Kampagne
 
 
Betroffene Erzählen
 

Ich heiße Gudrun, und ich war Spielerin.

Zehn Jahre lang habe ich mein Geld in Daddelautomaten gesteckt und rund 350.000 Mark verspielt.

Dabei wollte ich nie süchtig werden. Haschisch hab ich wohl mal geraucht, aber das war nicht mein Ding. Vor Heroin und LSD hatte ich immer Angst. Alkohol haben wir als Jugendliche auf Partys zwar viel getrunken, aber ich war vorsichtig und konnte es kontrollieren. Ich wusste, von dem ganzen Zeug kann man abhängig werden. Das wusste ich von Geldspielautomaten nicht, da lief ich ins offene Messer.

Es ging los, als ich 29 Jahre war und meinen Job als Sekretärin verlor, weil die Firma Konkurs machte. Dann starb mein Vater, und meine beste Freundin zog aus unserer WG aus. Sie heiratete, und ich fühlte mich sehr allein. Schließlich fiel ich zum vierten Mal durch die praktische Fahrprüfung, das ging mir wirklich ans Selbstwertgefühl. Ich verlor den Boden unter den Füßen, und ließ mich völlig gehen.

Ein Freund bot mir einen Aushilfsjob in seinem Lokal an. Nun hatte ich Arbeit, war aber immer noch einsam. Nach Dienstschluss fuhr ich in meine Stammkneipe und versoff das Geld, das ich tagsüber verdient hatte. Immer ging ich als Letzte nach Hause. Das ist nicht gut, dachte ich, wenn du so weitertrinkst, wirst du Alkoholikerin. So suchte ich nach einer Alternative, um nicht nach Hause zu müssen.

Da machte bei mir um die Ecke eine Spielhalle auf. Geh doch dahin, dachte ich, dann hast du morgens keinen Kater. Schien mir eine gute Lösung.

Es fing harmlos an. Anfangs hatte ich nur 60 Mark mit, mein Trinkgeld aus dem Lokal. Gewann ich, habe ich das schnell rausgedrückt und bin damit nach Hause gegangen. So hatte ich statt 60 mal 80 oder auch 100 Mark. Oder ich verlor die 60 Mark, konnte aber noch aufhören.

Doch schon nach drei Monaten musste ich jeden Tag hin. Ich merkte schnell, dass es nicht mehr freiwillig war. Oft spielte ich in der Mittagspause, drei Stunden oder mehr. Und direkt nach dem Büro. Da war kein Halten mehr. Wenn der Druck nicht so stark war, ging ich in meine Stammhalle, war er zu stark, in die nächstbeste.

Dieser Druck, das ist ein Aufgeregtsein, der bloße Gedanke ans Spielen genügt, dann kommt eine innere Unruhe. Ich bin von Natur aus ein nervöser Typ, das wurde dann noch viel schlimmer. Ich spielte, bis die Halle zumachte. War das Geld alle, blieb ich trotzdem und unterhielt mich mit der Hallenaufsicht. Der hab ich damals schon gesagt, ich bin spielsüchtig.

Ich spielte an zwei oder drei Geräten gleichzeitig. Passierte in einem Automaten nichts, wurde es langweilig. Kam eine Gewinnserie, war der Apparat mit sich selbst beschäftigt, aber ich saß rum. Also ging ich zum vierten Kasten. So hat sich das verselbständigt.

Spielen übte einen Reiz auf mich aus, es wäre falsch, das zu leugnen. In dieser Glitzerwelt, in die ich flüchtete, fühlte ich mich geborgen, wohler als zu Hause. Spielen war ein Ventil. Wenn die Automaten nicht schmissen, konnte ich meine Wut über mich selbst auf die Geräte lenken. Später spürte ich, da stimmt was nicht. Aber noch dachte ich, ich kriege es allein in den Griff. Wie mit Alkohol auch.

Anfangs glaubte ich, wenn ich im richtigen Moment drücke, machen die Kästen, was ich will. Schmissen die Geld raus, dachte ich, sie sind mir wohlgesonnen, ich bin das Glückskind. Aber das wird einem nur vorgegaukelt, und man will es sich selbst vorgaukeln. Später erfuhr ich, dass das Drücken auf die Tasten keinen Einfluss hat. Aber da saß ich schon zu tief im Sumpf; Vernunft und Logik halfen mir nicht mehr.

Schon der Gedanke ans Spielen setzte Adrenalin frei. Die ganze Aufregung: Soll ich jetzt von der vorletzten auf die letzte Stufe drücken, wo das Risiko am größten ist, aber auch der Gewinn? Was sich da abspielte an Glücksgefühlen, wenn man es geschafft hatte – oder an Verzweiflung, wenn es in die Hose ging. So stelle ich mir das vor, wenn Bergsteiger unter größter Anstrengung den Himalaja besteigen und sich wirklich groß fühlen. So ein Kick. Das kennen viele Spieler, man geht die ganze Palette an Gefühlen durch, von jubelndem Glücksgefühl bis Verzweiflung und Selbstanklage. Diese traurigen Momente des Misserfolgs waren auch Spiegelbild meines Lebens. Eigentlich wollte ich davor fliehen.

Das Spielen am Automaten war ein Weg, um meine Einsamkeit und mich selbst besser auszuhalten. Ich war nur auf zwei Dinge konzentriert: Geld beschaffen und spielen. Meine Katze wurde immer neurotischer, pinkelte in die Wohnung, was mir natürlich gepflegt auf den Keks ging. Umso mehr spielte ich.

Einmal waren es 16 Stunden am Stück. Mit 300 Mark bin ich rein. Nach acht Stunden hatte ich 1.200 Mark und ein unglaubliches Glücksgefühl. Als die Halle nachts um zwei Uhr schloss, liefen auf zwei Automaten noch 100 Supersonderspiele, pro Automat ist das etwa 200 Mark Gewinn.

Ich musste also am nächsten Morgen wiederkommen, um zu Ende zu spielen. Sonst machte die Aufsicht das. Die sechs Stunden machst du durch, dachte ich, bist viel zu aufgekratzt, um zu schlafen. Dann bin ich auf den Kiez und habe alles verloren. Um acht stand ich wieder in der Halle und gewann noch mal 500 Mark. Aber ich habe so viele Geräte gespielt, sechs oder mehr. Zum Schluss war das ganze Geld weg.

Ich wurde unzuverlässig. Auch unehrlich: Ich erzählte Räuberpistolen, um Geld zu kriegen. Wollte ich einen Kredit aufstocken, dachte ich mir Lügengeschichten aus. Ich wusste, dass ich rumspinne. Als ich 2.000 Mark private Schulden hatte, dachte ich, ein Bankkredit von 2.000 hilft mir nicht richtig, besser ich frage gleich nach 5.000 Mark, dann bin ich die Schulden los und habe noch 3.000 Mark Spielgeld.

Dass ich dieses Geld ja auch zurückzahlen musste, daran wollte ich nicht denken. Der Kredit wuchs immer höher, erst habe ich mit der Zahlung ausgesetzt, dann die Bank gewechselt, es war reichlich Leben in der Bude. Die Zinsen und Überziehungszinsen kriege ich heute gar nicht mehr genau zusammen. Es war haarsträubend, ich verlor völlig den Überblick.

Sechs Jahre ging das so. Manchmal schaffte ich in drei Jobs gleichzeitig Geld ran, als Sekretärin, in einer Kneipe und in einer Diskothek. Sechs Wochen lang arbeitete ich drei Schichten, bis ich zusammengeklappt bin. Nur des Geldes wegen. Bloß, wo ist es geblieben? Außer für Miete, Strom, Telefon, etwas Katzenfutter habe ich alles verspielt.

Als ich zusammenbrach, überwies mein Hausarzt mich zum Psychiater. Der riet mir, eine Liste zu machen, wem ich Geld schulde, und durchzustreichen, was abbezahlt war. Dann mit der Bank einen monatlichen Betrag aushandeln, den ich zurückzahlen kann. Und ich sollte nicht vergessen, mir selbst das Leben angenehmer zu machen. Nicht nur arbeiten, um Schulden zu zahlen.

Daran hielt ich mich und war in kurzer Zeit die privaten Schulden los. In der Bank bekam ich eine neue Sachbearbeiterin, die konnte ich zwar auch um den Finger wickeln, sie stockte ständig meinen Kredit auf. Aber sie sicherte sich ab und gab mir den Kredit nur, wenn ich jeden Monat 100 Mark sparte. Später war ich ihr dankbar dafür, da war ich runter auf 6.000 Mark und hatte gleichzeitig 6.000 angespart. Ich konnte es also ablösen. Allerdings nur den Dispokredit.

Trotzdem dachte ich nach fünf Sitzungen bei dem Psychiater, den brauche ich nicht mehr, das schaff’ ich jetzt allein. Ich fand ihn auch sehr arrogant. Tatsächlich blieb ich 15 Monate spielfrei. Allerdings mit geballten Fäusten in der Tasche. Ich musste mich wirklich über jeden einzelnen Tag retten.

Nach 15 Monaten ging es wieder los. Kurz vor Weihnachten, ich hatte die Taschen voller Geschenke für eine Freundin, war aufgeregt durch die ganze Weihnachtsatmosphäre und sah plötzlich schräg gegenüber eine Spielhalle. Da gab’s nichts mehr. Das Bedürfnis war sofort übermächtig. Herzklopfen bis zum Hals. Egal, wie dick ich die Fäuste in der Tasche machte, es war nicht mehr zu stoppen. Vielleicht hatte es auch mit meiner Freundin zu tun. Die Beziehung zu ihr war schwierig, aber ich war ja auch schwierig. Spieler sind charmante Menschen und gute Schauspieler, haben liebenswerte Züge, aber sie sind schwierig. Das wollte ich natürlich nicht sehen, aber die Menschen, die mit mir zu tun hatten, haben wirklich Nervenstärke bewiesen.

In den Hallen erzählten manche, dass sie mit Hilfe der Anonymen Spieler versuchten, aufzuhören. Zwei Jahre habe ich noch weitergespielt, dann bin auch ich dort hingegangen. Nun gab es einen Anlaufpunkt, einmal in der Woche hatte ich etwas vor. Ich war nicht allein. Ich hörte die Geschichten anderer, denen es ähnlich ergangen war.

Nach zehn Wochen wurde ich für ein halbes Jahr rückfällig. Bei vielen klappt es nicht gleich beim ersten Versuch. Danach konnte ich endgültig aufhören. Neun Jahre ist das jetzt her.

Die ersten vier Jahre nutzte ich, um mich um meine Mutter zu kümmern. Mein Leben lang hatte ich Konflikte mit ihr. Aber trotzdem kämpft man ja um Anerkennung und Liebe der Mutter.

Ich kann mich an keinen einzigen Tag erinnern, an dem meine Mutter sagte: Mir geht es gut. Viele Jahre nahm sie Tabletten, es gibt keine Krankheit, die sie nicht kennt. Fühlte sie sich überfordert, gab sie meinen Bruder und mich ins Heim. Insgesamt sieben Jahre. Beim ersten Mal war ich drei. Und blieb, bis ich sechs war. Mit zehn musste ich wieder dorthin.

Mit 14 Jahren durfte ich dann endgültig nach Hause. Ich weiß es noch wie heute: Meine Mutter war in der Küche, wie immer sehr beschäftigt, hyperaktiv. Ich stehe im Türrahmen, stelle meinen Koffer ab: „Mutti, da bin ich!“ Jetzt nimmt sie mich in den Arm, dachte ich, und sagt: schön, dass du zu Hause bist, mein Kind. Doch sie wischt und putzt hektisch herum und sagt: „Pack deinen Koffer weg, der steht im Weg.“ Da ist bei mir etwas kaputtgegangen.

Meine Mutter war depressiv und machte diverse Selbstmordversuche. Einmal war ich in der Probezeit als Anwaltsgehilfin, da rief die Klinik an, in der sie gerade zur Kur war: sie hatte es wieder getan. Ich sollte mich kümmern. Das tat ich mein Leben lang. Jetzt ist sie 80 und seit elf Jahren ein Pflegefall. Irgendwann begriff ich, dass dieses Depressive auch eine Art ist, die Umwelt zu manipulieren. Wenn sie krank war, nahm jeder Rücksicht.

Ich will die Verantwortung für mein Spielen nicht wegschieben. Mir hat ja niemand gesagt, du musst spielsüchtig werden und dein Leben ruinieren. Das hab ich selbst entschieden. Meine Kindheit war eben, wie sie war. Andere hatten es schwerer.

Es gab auch glückliche Momente. Und es gab meine erste Lehrerin. Ich hatte sie nur ein halbes Jahr, zu Beginn der Sommerferien zogen wir wieder um. Am letzten Schultag fragte sie, wer von uns verreist. Alle Finger gingen hoch, nur meiner nicht. Als ich nach Hause kam, sagte meine Mutter: „Deine Lehrerin holt dich gleich ab, du kannst bei ihr Ferien machen.“

Diesen Kontakt habe ich bis heute gehalten. Das habe ich mir nicht groß überlegt, es war ein Bedürfnis, wie man isst, wenn man Hunger hat. Sie war immer für mich da, wenn ich anrief. 30 Jahre lang hat sie meinen Geburtstag nicht vergessen. Jetzt ist sie 84. Ich nenne sie meine zweite Mutter. Sie ist die einzige Person, die nie einen wirklichen Nutzen von mir hatte.

Doch vom Spielen konnte ich ihr erst erzählen, als es vorbei war. Ich hatte Angst, dass sie mich nicht mehr mag. Aber so war es gar nicht. Sie hörte sich das interessiert an, stellte auch Fragen. Dann sagte sie: „Du bist so tapfer, Gudrun, du schaffst das schon.“

Inzwischen ist mein Leben ruhiger geworden. Ich gehe regelmäßig in die Gruppen. Jeden Freitag. Einen Sponsor habe ich auch, das ist bei den Anonymen Spielern eine Person meines Vertrauens, bei der ich mir Rat holen kann. Seit ich nicht mehr spiele, kann ich mir vieles leisten, auch Urlaub. Meine Schulden zahle ich weiter ab, es sind nur noch 7.000 Euro.

Innere Unruhe ist bis heute ein gutes Warnsignal. Jetzt nehme ich sie bewusst wahr, horche in mich hinein: du bist heute so fahrig, was ist los? Dann mache ich eine Meditation, oder ich sage zehnmal den Gelassenheitsspruch: „Gott gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“ Ich finde den sehr schön. Dann werde ich ruhiger.

Die Unruhe ist nicht weg. Da mache ich mir nichts vor. Vielleicht ist sie ein Teil meiner Persönlichkeit. Mir sind die Gefühle von damals ja vertraut. Wenn ich heute an Spielhallen vorbeikomme, bleibe ich manchmal stehen und rede mit mir: „Na, möchtest du da gern rein?“ – „Ich hab ja schon gern gespielt.“ – „Ja, aber was glaubst du, was dich da erwartet?“ Dann sage ich: „Nein, muss ich mir nicht mehr antun.“ Und gehe weiter. Manche gehen sofort auf die andere Straßenseite, schauen weg. Aber dies ist eben mein Weg.

Einige bleiben lebenslang gefährdet, andere denken, sie könnten hin und wieder spielen. Ich will es nicht ausprobieren. Die Gefahr ist mir zu groß. Ich werde kein Geld mehr in die Spielhallen tragen.

Nach wie vor lebe ich allein. Es ist nicht leicht. Vieles trägt sich besser mit einem Partner. Oder einer Partnerin. Aber ich habe gelernt damit zu leben. Meiner Mutter habe ich geschrieben, dass ich mich nun um mich selbst kümmern muss. Endlich fange ich an, mich und meine Wünsche richtig kennen zu lernen. Mit 47 Jahren.

Das Gespräch führte die Hamburger Journalistin und Autorin Ulla Fröhling

 
 
 
  




Zur Onlineberatung TÜRKÇE ONLINE DANIŞMA
 
  NEUE VIDEOS:
Der Sucht ein Gesicht geben
  
  Videoclips mit Interviews von Glücksspielsüchtigen, Angehörigen und Experten. » mehr...
 
   MATERIALIEN:
   Materialien der Landeskoordinierungs- stelle:
Hier finden Sie Materialien zum Bestellen
mehr...
 
  
  Aktuelle Kampagne:
Hier finden Sie weiteres Material zum Bestellen. mehr...
  X